Betriebsblindheit II

Februar 7, 2010

„Frau Cowgirl…es hört sich für mich, so wie sie mir das schildern, alles ganz normal an. Als Faustregel kann man schon annehmen, das ein Pferd 10 Liter pro 100 kg Körpergewicht braucht und ihre 300 Kilo wird Pony schon haben…“

[Anm. d. Red.: panischhysterisch, wie ich war, hatte ich den SB natürlich nicht nach der vom Pony konsumierten Litermenge gefragt…peinlich…]

Ich: *winsel* „Jahaaaa, aber [einer der Königssätze, die Tierärzte sicherlich am allerliebsten von ihren Patientenbesitzern hören]…die ist auch so dühüüühüüüünnnn geworden. Könnten Sie nicht doch bitte mal, und sei es nur zu meiner Beruhigung, vorbeikommen und einen Blick auf Pony werfen ? Dann kann ich vielleicht wieder etwas besser schlafen.“

[Anm. d. Red.: schamloser Druck auf die Tränendrüse bei Gutemine]

Gutemine, durch die Leitung kaum hörbar, seufzte und kam am übernächsten Abend.

Empfangen von einem leicht bibberig schauenden Cowgirl und von einer für ihre sonstigen Verhältnisse ungewohnt begeistert aus der Wäsche guckenden Pony. Normalerweise hasst Pony Tierärzte und sie weiß natürlich mittlerweile ganz genau, wer Gutemine ist. An diesem Abend hatte Pony aber ihr Sonntagsbenehmen hervorgeholt.

Nach einer allgemeinen Untersuchung (abhören, vorführen, genauerem Anschauen von Ponys bekannten neuralgischen Stellen) kam dann das, worauf jeder sachlichere Mensch auch schon früher und möglicherweise ohne Tierarztkonsultation gekommen wäre:

„Frau Cowgirl…das Pony befindet sich in einem wirlich guten, altersangemessenen Zustand. Die ist munter und wach. Ihre enormen Fettpolster von früher sind nicht mehr da. Und sicherlich, sie hat Muskulatur abgebaut, sie wird ja auch nicht mehr geritten und jetzt bei dem Wetter bewegen sich die Pferde auf dem Paddock auch nicht mehr viel. Jetzt im Alter ist es ganz normal, das die Rückenlinie ein bißchen absinkt und der Bauch ein bißchen hängt. Für das normale Herdenleben auf der Weide reicht ihre Muskulatur aber noch, sie kommt doch in der Herde gut klar ? „

„Ja, sicher, das kommt sie, sie ist die Rangniedrigste und hält sich von dem meisten Theater fern…aber…aber…das viele Trinken ? Das ist neu, das hatten wir noch nicht und ich mache mir sohoooolche Soohooorgen wegen Diabetes und so…“

Nun, es ist uns doch seit längerem klar, das Pony Cushing hat, die klinischen Symptome sprechen dafür. Wir könnten das jetzt sicherlich noch per Bluttest ganz bestätigen,  das würde allerdings ungefähr soundsoviel Euro kosten. Dann wüssten wir wirklich Bescheid. Aber, dann würde auch die Frage nach Pergolidbehandlung wieder hochkommen und das würde dann ungefähr soundsoviel Euro pro Monat kosten…und ich glaube, da hatten Sie schon eine Aussage zu getroffen ? Ganz abgesehen davon, das ich in meinem Patientenkreis einige Pergolid-Patienten habe, die das Zeugs teilweise schon seit Jahren bekomme und wo sich nicht viel an der Symptomatik geändert hat… der Stoffwechsel verschlechert sich mit zunehmender Krankheitsdauer, da entwickelt sich dann auch eine Form von Diabetes, das ist normal…und seien wir ehrlich, an der Ursache des Cushings ändert sich auch durch die Pergolidgabe nichts. Es spricht niemand gerne darüber, aber im Endeffekt ist Cushing durch einen TUMOR bedingt und den kann man bei Pferden nicht operieren…“

…………………….

Iim Endeffekt ist es nun meine aktuelle Aufgabe, das Etablieren eines neuen „Normalzustands“ für das Pony. Normal ist nicht mehr die Presswurstoptik, normal ist nicht mehr, das jedes Extrahäppchenfutter den sofortigen Verfettungstod bewirken kann, normal ist nicht mehr, das man selbst die diversen Superduperspezialfuttersorten für Hufrehepferde nur in homoöpathischen Dosen verfüttern darf…normal ist jetzt anders. Und ich muß mich an dieses neue Normal erst einmal gewöhnen, so gewöhnen, das ich nicht wieder wegen akutem „den Wald vor lauter Bäumen nicht Sehens“  Tierärztin und den Rest der Kavallerie in Gang setze.

Ich kenne Pony seit nun fast 28 Jahren. Und auch wenn Aussagen à la „die frisst mir noch die Haare vom Kopf“ und „wenn die mal tot ist, kaufe ich mir vom gesparten Geld einen Pferdeanhänger“ immer wieder mal vorkommen werden…wenn die kleine Ratte wirklich mal nicht mehr ist, dann weiß ich nicht, was ich machen soll. 😦

4 Antworten to “Betriebsblindheit II”

  1. Yvonne Says:

    gut dass es dem pony also den umstaenden entsprechend gut geht. und auch wenn du dich als etwas „uebereifrig“ siehst was symptome & krankheiten angeht, bin ich der meinung dass man lieber einmal zu viel den tierarzt holt als zu wenig. =)

    meiner ist ueberigens nach seiner dosis cartrophen wieder fit. zu fit, leider. er ist heute glatt ueber den zaun am reitplatz gesprungen als mein trainer & meine wenigkeit ihn zum beurteilen ob die injektion geholfen hat freilaufen gelassen haben. *seufz* (zum glueck ist nichts passiert als er im gestreckten galopp quer ueber den ganzen hof zu seiner box gerannt ist – er war nur etwas ungehalten dass trotz futterzeit nichts in seiner box auf ihn wartete…)

    anybody want a new horse? *hmpf*


  2. I`d take him anytime, IF I had time…and money… 😦

  3. Yvonne Says:

    i’ll offer him for free – and I swear he’ll eat anything he can get hold off. So easy when it comes to feeding… *lol*

    • Yvonne Says:

      und der typische 7 uhr morgen halb verschlafene grammatikfehler steckt natuerlich auch mit drin… *seufz* ich sollte wohl wirklich besser zurueck ins bett.


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