Der (fast) erste Galopp des Kerls *

April 2, 2010

Wie beinahe alle meine Geschichten passierte auch diese schon vor längerer Zeit.

Der Kerl, das Pferd und ich weilten zu einem Kurzurlaub auf dem Heimathof des Pferdes. Ich hatte mich bereit erklärt, dem Kerl das Schulpferd **  unterrichtsfertig zu machen. Mein Pferd, also DAS Pferd, war, als ich es dem Kerl in die Hand drückte, schon fertig angezogen.

Das Pferd dem Kerl in diesem Zustand zu übergeben, hat ungefähr den gleichen Effekt, wie die Übergabe eines Ferrarischlüssels an einen Führerscheinneuling. Sofortiges Auslösen eines „willauch“-Bedürfnisses.

Nun gut, das Pferd hatte an diesem Tag schon eine Aufwärmeinheit im Gelände absolviert, der Kerl trug einen Helm, der Hof hatte eine umzäunte um die Hauskoppel verlaufende ovale Reitbahn. Theoretisch ideale Bedingungen für eine unkomplizierte Anfängerrunde.

Mittels Gartenbank als Aufsteighilfe erklomm der Kerl das Pferd („Steigbügel verstellen ? Ach nee, ist ja nur eine kleine Runde…“). Pferd öhrte nach hinten, sah aber relativ freundlich aus und ich schickte die beiden mit mahnenden Worten à la „schön brav bleiben, keine Dummheiten machen“ auf den Rundkurs.

Als ich das Schulpferd gesattelt hatte, trat ich aus dem Stall, schirmte mit der Hand meine Augen vor der Sonne ab und schaute über die Hauskoppel, um zu sehen, wo Kerl und Pferd denn blieben.

Sie waren gerade ganz hinten auf dem Kurs und ich sah das Pferd einige verdächtige Trabtrippelschritte machen.

Oh – Kerl, jetzt bleib bloß ruhig sitzen !

Das Pferd, anscheinend von der Geländerunde nicht angemüdet, sondern einfach nur wach, zeigte sich grosszügig.

„Wie jetzt, Trab ? Traaaaab ? Neee, also, so wie Du da gerade leicht hilflos auf mir herumwackelst, willst Du was anderes – kein Problem, ich weiß Bescheid !“

Und dann, mit einem mehr als begeistert wirkenden Ausdruck im Gesicht, knallte sie den dritten Gang rein.

Das ist beim Pferd kein Pleasurelope, sondern ein küstenfrischer Arbeitsgalopp !

Der Kerl wurde leicht blass. Ich auch.

Oh nein. Das Pferd wird die Kurven in dem Tempo nicht schaffen. Der Kerl wird runterfallen und sich alle Knochen brechen und dann habe ich nicht nur ein kaputtes Pferd, sondern auch einen kaputten Kerl und kann würfeln, wen von beiden ich einschläfern und welchen ich pflegen muß. Oh nein, oh nein, oh nein ! Mir wurde eiskalt.

Ungelogen, ich sah die beiden schon am Boden liegen.

Aber neee, der Kerl muß zugehört haben, als ich ihm mal erzählte, was man in so einem Emergency-Fall zu tun hat. Schönes Reiten wirft man über Bord und versucht nur, lebend und heile da rauszukommen.

Er nahm die Zügel in eine Hand, legte die andere Hand an`s Sattelhorn und versuchte zunächst, das Pferd in einer günstigen Ecke auf einen kleinen Zirkel abzuwenden. Scheiterte und meine Pulsfrequenz stieg nochmal um ein paar Tacken nach oben. Neiiiiiiiin, was jetzt ? Ich erwägte, mich in Wildwestmanier in den Weg zu stellen und den Hampelmann zu machen – wenn Pull-und-Slack das Pferd nicht zum Stehen bleiben brächte, dann vielleicht der Anblick von mir bei sportähnlichen Bewegungen.

Letzten Endes weiß ich nicht, was genau es war, was das Pferd dann zufälligerweise genau auf meiner Höhe an der Bahn zum Stehen brachte. Mit einer sehr rustikalen Version eines Sliding Stops und mit ordentlich Zügeleinsatz (in der Notsituation gerechtfertigt)  brachte der Kerl das Pferd neben mir zum Stehen. Er weiß im Gesicht, das Pferd total  begeistert.

„Frauchen, Frauchen, wir sind galoppiert ! Ich bin mit dem großen Typen galoppiert ! Bin ich gut oder bin ich einfach nur brilliant ?“

Puuuuh. Also, dem Kerl die Wichtigkeit eines ruhigen Reitersitzes *** beizubringen dürfte an diesem Tag gelungen sein.

———————————

* fast deswegen, weil er früher mit dem Pferd in noch sicherer Umgebung ein, zwei Galoppsprünge geritten ist

** ein Gemüt wie ein Finanzbeamter auf Valium, Knochen wie die Säulen der Akropolis, nur etwas mehr Körpermasse hätte ihm nicht schlecht gestanden. Es war schon seeeeehr schlank. Aber wenn ich mal im Lotto gewinne, würde ich es kaufen wollen – es war nämlich äußerst liebenswürdig.

*** Merke: ein Pferd, was bei dezentester Hilfengebung problemlos rauf- und runterschaltet (bevorzug rauf natürlich !), ist vielleicht für einen Reitanfänger noch nicht so ganz….noch nicht so ganz das richtige. *hust* Zumindest dann nicht, wenn keine Longe als Sicherungsseil dranhängt.

2 Antworten to “Der (fast) erste Galopp des Kerls *”

  1. eps Says:

    Applaus für den Titelhelden!!!!!! Yeahhhhhh!

    und vielen Dank für die schöne Story, Galu!🙂

    Ich wünsche dir FROHE OSTERN und viiiel Sonnenschein! Hoffentlich!

  2. VPunker Says:

    weia – kommt mir SOOOO bekannt vor! Nur kannte mein Männe nur gut ausgebildete brave Pferde, die freiwillig keinen Schritt tun … nicht zu vergleichen mit meinem Rennmops, der leicht hektisch wird, wenn jemand oben wackelt und bei dem gelegentlich die Bremse klemmt…dabei sollten die zwei nur im Schritt unterwegs sein – einen moment nicht aufgepasst und schwupp: Männe will den dritten Gang erkunden.
    Gott seis Gedankt mögen sich die zwei und es ist nix passiert…


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: