Babe ist locker !

Juni 3, 2010

Heute, also, äh, eigentlich GESTERN, aber Ihr versteht schon, was ich meine…

Nun, jedenfalls heutegestern war ich sehr grundentspannt. Der Tag im Büro war wie immer *gähn*, ich war wie so oft nicht gerade früh erschienen, mit der Folge, das ich auch erst entsprechend spät Feierabend machen konnte.

Spät am Stall – das erfordert, selbst bei diesem guten Wetter, eine automatische Limitierung der Reitdauer. (Man will nicht irgendwo in der Pampa sein, wenn die Dämmerung einsetzt und die Rush hour beim Niederwild einsetzt.) Oder – nur eine kurze Geländerunde drehen und dann das machen, was bei anderen unter „Dressurreiten“ läuft. Bei mir läuft das eher unter…nun…mehr so unter „wir versuchen es mal nicht nach gerittenem Gehackten aussehen zu lassen“.

Das Pferd schien gut gelaunt zu sein. Sie war beim Putzen und Satteln lieb und zeigte nicht ihre neu erlernte Unart, mit dem Vorderhuf Linien auf das Pflaster des Putzplatzes zu kratzen…etwas, was mir neuerdings mindestens zwei zusätzliche graue Haare beschert hat und den Gedanken, das ich mich demnächst wohl in die Schlange derer einreihen müßte, deren Hufschmiedetermine weeeeeesentlich länger dauern als die ca. 20 Minuten, die derzeit für`s bloße Ausschneiden und Beraspeln draufgehen.

Im Gelände: ruhig, entspannt, relaxt. Gut, für unsere Verhältnisse, man muß das immer dazusagen. Auch nach Jahren ist das Pferd immer noch für „Huuuuaaaaaach, was ist das ? Das Kaninchen/Feldhase/Hund/Rindviech des Todes mit Appetit auf Tüpfelparma ?“-Momente gut.

Es gab die üblichen Diskussionen über die Bedeutung von grundlegenden Kommandos/Hilfen/Wünschen des ja technisch gesehen völlig hilflosen kleinen Reiterleins * auf dem 550-Kilo-Tüpfelfleischberg.

„Eaaasy“ – was ist das ?

Pferd glaubte mir erst nach drei-, viermaligem „eaaasy“, das dies tatsächlich bedeutet, das man einen Gang runterschalten möchte. Wenigstens konnte ich ihre Reaktionszeit auf der kurzen Dorfrunde verringern – angefangen haben wir mit drei bis vier easys, gegen Ende des Ausritts und zunehmender Tonfallveränderung von mir wurde das weniger. Mag auch daran gelegen haben, das mein Tonfall deutlich weniger zärtlich und säuselnd wurde und eher gen Richtung „Gunnery Sergeant Hartmann“ zu klingen begann. (und ja, wir haben es nicht drauf, den Zügel hier gänzlich aus dem Spiel zu lassen)

„Whoah“ – nein, das heißt nicht „für eine Sekunde anhalten und dann gleich weiterstürmen“, liebstes Pferd.
Wenn Frauchen Whoah sagt, dann heißt das Whoah-stop-dead-in-your-tracks und nicht „Waaaaas ? Waaaaaas ? Aber Zuhause ist doch da hinten und wir halten sonst auch immer erst zu Hause/Straßenkreuzungen/Passanten an, die so aussehen, als wären sie streichelwillig !“

Wir kamen zurück zum Stall und das Pferd wollte es erst nicht glauben – „wie, wir reiten am Anbindeplatz vorbei ? Nicht absatteln ? Weiterarbeiten ? Ja, Frauchen, geht`s noch ?“

Ach, meine Stimme kann sehr liebreizend und säuselnd werden, wenn ich a) grundentspannt bin und b) vom Pferd etwas will. Und da mich auf unserem WinterauslaufjetztmeinTrailreitplatz ohnehin keiner hört und ich fest davon überzeugt bin, das das Pferd in gewissen Maße deutsch versteht, erzählte ich ihr:

„Haselschnäuzelmausezähnchen, wir machen jetzt noch ein bißchen Dressurimitat, ja ? Nur ganz, ganz kurz, wenn Du lieb und artig bist, machen wir auch gleich Schluß und es gibt Leckerchen, Eiditei und Feierabend, versproooooochen !“

Sie glaubte mir.

Und war so brav, so bemüht und lieb – sie war auch etwas sehr langsam und sehr entspannt, aber egal. Für unsere Verhältnisse sind wir noch recht hübsch einige Runden getrabt und galoppiert, haben ein paar Stangen überritten (Gedankennotiz: ich muß noch ein paar mehr dazu kaufen) und haben uns, ganz im Wortsinn, ein bißchen locker gemacht. In Anlehnung an die Horsemanshipaufgabe vom letzten Turnier, die dank meiner Hibbeligkeit so schön in die Grütze ging, wollte ich es dann zum Schluß noch einmal wissen:

ich suchte mir einen Punkt auf dem Platz aus, galoppierte frisch in unserem Karnickelhoppelgalopp darauf zu…setzte mich kurz vor dem Erreichen des Punktes schwer in den Sattel, hob leicht die Zügel an und hauchte das magische Wort in die aufmerksamen Ohren des Pferdes:

„Whoah !“

550 Kilo Tüpfel standen. Wenn mich mein Pogefühl nicht getäuscht hat, sogar geschlossen. Ich gab die Hilfen zum Rückwärtsrichten – zack, zack, zack, eine Pferdelänge rückwärts und wieder:

„Whoah !“

550 Kilo Tüpfel standen.

Hätte ich einen besseren Moment zum Aufhören finden können ?

Rhetorische Frage, denn ich denke: nein, hätte ich nicht. Absteigen, loben, absatteln und dann das Pferd wieder auf die Weide – so, wie sie mich anguckte, war das wohl genau das, was sie im Sinn gehabt hatte. Bravsein, dann gibt die Alte schnell Ruhe. 🙂

Es sind immer nur so mäusefrühchenbabykleine Erfolge, im Vergleich zu den Leistungen anderer geradezu witzlos, die ich mit dem Pferd im Alltag für gewöhnlich habe. Trotzdem sind es diese winzigen Sternchenmomente, die für mich wunderschön sind, die mich fröhlich machen, gut gelaunt und mich wieder daran erinnern, das Reiten Spaß macht, kein Kampf und Krampf sein muß und, das gebe ich offen zu: das man es sich auch auf denkbar niedrigstem Niveau, ohne den ehrlichen Ehrgeiz, binnen kurzer Zeit die Ausbildungsskala in Gänze zu erklimmen, ganz kommod einrichten kann.

—————————
* für etwaig mitlesende Laien: mal ehrlich, glaubt ihr, das es technisch möglich ist, mit Hilfe zweier Lederriemchen und einem bißchen Metall im Pferdemaul eine halbe Tonne Lebendgewicht mit Allhufantrieb zu irgendetwas zu ZWINGEN ? Well, think again. Man kann doch auch keinen ICE mit einer Euromünze auf der Schiene entgleisen lassen, nicht wahr ?

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3 Antworten to “Babe ist locker !”

  1. Emma41 Says:

    Das machste richtig: dich über die kleinen Erfolge freuen. Weil dann bist du entspannt und gehst auch nächstes Mal mit ein entspanntes, gutes Gefühl zum Reiten und schwups überträgt sich das auf deine Tüpfeltante. Und schwups gibt es den nächsten kleinen Erfolg. 🙂
    Hatte letztens auch so’n Erlebnis: Rückwärts durchs L hat bis jetzt nie ohne anklonken geklappt. Aber mit einem Tipp meiner Trainerin ist der Knoten geplatzt. Hat letztlich an einer Kleinigkeit meinerseits gelegen, aber das Resultat ist gigantisch. Mein Strahlen nach der Reitstunde hätte mit jedem KKW konkurieren können. 🙂


  2. Allerdings muß ich zugeben – dieses Entspanntsein, die-Welt-rosa-sehen, dieses Schallallaaaa-Verhalten – das schaffe ich nicht immer bzw. eigentlich viel zu selten. *rotwerd*

  3. Emma41 Says:

    Mag ja sein. Aber wenn du dich selber immer wieder daran erinnerst bevor du auf’s Pferd steigst, wird das mit der Zeit besser. Spreche aus Erfahrung. *aucheinbisschenrotwerd*


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